Piranhas zum Tee

Und wieder ein Flug. Unsre Reisezeit wird langsam knapp und das Busabenteuer auf der wohl gefährlichsten Straße der Welt muss ohne uns stattfinden. Schade! Das nächste Mal sind wir wieder mit dabei…

Von anderen Reisenden wurden wir vorgewarnt, dass das regenreiche Klima im bolivianischen Amazonasbecken zu Verzögerungen unsres Abflugs führen könnte. Tatsächlich. Beim Check-In um 9.00 Uhr erfahren wir, dass sich heute noch kein Flugzeug nach Rurrenabaque aufgemacht hat. Es regne dort einfach zu stark und es könne daher etwas länger dauern. Eigentlich ganz praktisch, denn im Flughafen gibt es kostenloses Internet und ausreichend viele Steckdosen für gestrandete Reisende – wir vertreiben uns die Zeit mit Bilder sortieren, telefonieren nach Hause und beobachten das Kommen und Gehen in der Wartehalle. Eine ältere Frau kippt wortwörtlich aus ihren Latschen, welche anschließend alleine die Rolltreppe nach oben fahren. Sie wird sofort professionell versorgt und kommt mit einem Schrecken davon. Das Lachen können wir uns allerdings nur schwer verkneifen.

Im Stundentakt werden wir von freundlichen Amaszonas-Mitarbeitern informiert, dass es unklar ist, wann geflogen werden kann und ob. Um 17.00 Uhr geht es tatsächlich los; wir dürfen ins Flugzeug, dort warten wir weitere 45 Minuten auf die Starterlaubnis und heben doch noch ab. Knapp 40 Minuten später kommen wir auch schon im Tiefland an und verstehen, warum wir so lange warten mussten – Sichtanflug ohne Sicht geht halt nicht. Es ist feucht, es ist warm und einfach toll; fast wie nach Hause kommen ins mittelamerikanische Klima 🙂

hohe-berge río-beni landung

Vom Flugplatz führt eine schlammige Straße nach Rurrenabaque, dem Dorf am Río Beni, dass ein bisschen aus den Nähten zu platzen scheint: Die Hauptstraße ist gespickt mit Tour-Anbietern, Märkten und Comedores. Die Sommersonnenwende (Johannistag) wird hier immer noch gefeiert (es ist der 23.06.13) und alle Nase lang fliegen Kracher auf die Straße und man prostet sich fröhlich zu. Am nächsten Morgen bewundern wir das Ergebnis – eine lange LKW-Schlange, die sich durchs Dorf zieht; der Fährbetrieb fällt aus, da die Arbeiter zu ausgiebig gefeiert haben und nicht zur Arbeit erschienen sind. Hier stört das keinen. Man reagiert gelassen 🙂

strasse-in-rurre im-regen lkw-schlange

Warum fährt der Reisende eigentlich nach Rurre? fragt ihr euch vielleicht….  Pampas oder Dschungel, das ist hier die Frage. Flussabenteuer mit Gauchos oder Überlebenstraining mit Indígenas im Madidi-Park? Wir sind hin und her gerissen und können uns nicht entscheiden. Für beides haben wir nicht genug Zeit. Da es die Nacht durchgeregnet und -gewittert hat, vertagen wir die Entscheidung und genießen französische Spezereien (Croissant-Bäcker scheinen sich gerne in Südamerika niederzulassen…), buchen Rückflüge nach La Paz und erkunden den Ort. Bei einem Bierchen fällt die Entscheidung: Da wir in Nicaragua und Costa Rica schon im Regenwald wandern waren, melden wir uns für eine 3-Tages-Pampas-Tour an. Am nächsten Morgen beginnt unsere Reise im Jeep. Mit an Board sind zwei Däninnen namens Cecilia und Sila sowie Rhiannon und Jamie, ein englisches weltreisendes Paar. Wir sind uns gleich sympathisch und bei unserem Plausch über Tiere und co. stellen wir fest, dass wir einen gemeinsamen Reisefreund haben – Maik. Mit ihm haben sie vor Monaten in Argentinien eine Woche lang Orcas beim Jagen beobachtet. Was für ein Zufall!

erster-halt 

Hatten wir noch über die Tour-Gruppe gelacht, die in der Tanke neben uns warten mussten, weil der Jeep nicht angesprungen ist, so wird unsre Schadenfreude umgehend belohnt: wir bleiben in einem riesigen Matschloch stecken. Der Jeep von der Tanke überholt und und die Insassen winken uns grinsend zu… Das hat man nun davon. Mit 1,5 h Verzögerung erreichen wir dennoch unser Ziel, das kleine Kuhdorf Santa Rosa. Nach einem leckeren Mittagessen fahren wir zu unserem Einbaum mit Außenborder und beginnen die eigentliche Tour auf dem Río Yacuma. Blutdürstende Moskitos haben den Regen abgelöst; eingehüllt in eine Wolke Off! Deep woods ganz gut zu ertragen. Die Bootsfahrt ist schön. Wir sehen gleich ein paar träge Capybaras (überdimensionales Meerschwein, siehe Bild) am Ufer grasen, Paradiesvögel (Bild, sehen eher aus wie ein Urzeithuhn) zetern, lassen sich ansonsten nicht durch uns stören. In unsrem Stelzenhaus werden wir von netten Damen mit Kaffee, Tee, Keksen und Popcorn empfangen. Der Regen hat mittlerweile wieder eingesetzt und ergänzt die fremdartigen Urwaldgeräusche mit Geprassel. Wir sitzen gemütlich mittendrin und reden mit unserem Guía Marcelo über seine Lebensgeschichte. Er ist in einem kleinen Dorf im Urwald geboren worden, musste zum Geldverdienen in die “Stadt” Rurrenabaque umziehen, und vermisst seither das Leben im Einklang mit der Natur. Was er über Heilpflanzen und Tiere weiß, hat er von seinem Vater gelernt. Er erzählt uns auch über die Armut und das ungewohnte Leben der Indígenas fern der eigenen Wurzeln, in dem Alkohol zum Problem wird. Gegen Mitternacht gewittert es. Der Regen hält bis zum nächsten Morgen an.

capybaras paradiesvogel affe

So warten wir auf besseres Wetter, schnappen uns ein Kartenspiel und vertreiben uns bis zum Mittagessen die Zeit mit Shithead. Der Regen lässt nicht nach, also ziehen wir trotzdem los. Beim Schwimmen mit den Flussdelfinen wären wir ja ohnehin nass geworden und angeln kann man auch im Regen. Dank blutiger Rindfleischstücke fangen wir sogar zehn Piranhas, die groß genug zum Essen sind. Da ich die Fische nicht töten oder ihnen auch nur den Haken rausziehen kann, gehe ich zum füttern über 🙂

petri-heil piranha piranha-gegrillt

Nach einer Stunde fahren wir zum Lieblingsbadeplatz der Flussdelfine. Drei Stück sind uns schon neugierig gefolgt. Es kostet etwas Überwindung ins bräunliche Wasser zu springen, aber wir werden belohnt: Es ist eine magische Stimmung. Um uns herum nur Vogelstimmen und leises Geplätscher. Die Delfine umkreisen uns; stupsen den einen oder anderen vorsichtig an. Wir sind ganz andächtig und berührt. Zurück zur Hütte lassen wir uns ohne Motor treiben, genießen die Wildnisgeräusche und das leise Plätschern unsres Bootes. Einige der kamerascheuen Tiere folgen uns ein Weilchen. Wunderbar!

Zum Nachmittagstee laben wir uns an unsrem Fang. Die Fische sind fein, aber klein: die Fleischmenge an den Piranhas entspricht in etwa dem Würfelchen Rindfleisch, mit welchem wir sie gefangen haben. Das Abendessen ist wieder köstlich und wird mit Kuchen und Wein abgerundet. Gegen halb neun brechen wir zu unsrem nächtlichen Bootsausflug auf; unzählige Kaimanaugen reflektieren das Licht unsrer Stirnlampen, Fledermäuse und Nachtvögel ziehen ihre Kreise über unsre Köpfe. Wir machen den Motor aus und tauchen ein in diese friedliche Stimmung.

Am nächsten Morgen lässt der Regen nach; wir erkunden den Curichal, das Sumpfland, das Anakonda und Kaiman bewohnen. Etwa 1,5 Stunden lang stapfen wir in Gummistiefeln durch modrig stinkende Grasteppiche, werden von allerlei Mücken belästigt und finden nur abertausende Grashüpfer. Die Kaimane faulenzen im See, die Anakondas bleiben im Untergrund. Trotzdem nett so ein Spaziergang.

keine-anakonda 

Unser eigentliches Abenteuer beginnt nach dem Mittagessen: Marcelo bringt uns per Boot zurück nach Santa Rosa. Dort warten wir etwa drei Stunden auf unseren Jeep. Marcelo ist schon nach einer Stunde zurückgefahren, um eine neue Gruppe zu führen. Wir sind auf uns gestellt. Nach zwei Stunden kommt die Info: der Jeep ist kaputt. Ein anderer Jeep kann nicht kommen, weil die Straße zu schlecht ist. Vier von uns könnten mit einem Kombi zurückfahren. Na das kann ja heiter werden. Unseren Rückflug werden wir ziemlich sicher verpassen. Da zwei Franzosen zusammen mit unsrer Gruppe zurückgebracht werden sollen, muss noch ein zweites Autos organisiert werden. Wir fragen uns, wie wir das über die schlammige Schlaglochpiste  nach Rurre ohne Jeep packen sollen. Nach einer weiteren Stunde des Suchens hat sich ein zweiter Fahrer gefunden, der sich die Höllenfahrt zutraut. Er ist gefühlte 17 und braucht wohl das Geld… Die ersten Kilometer sind wir positiv überrascht. In Paris-Dakar-Manier schlängelt er sich an den Schlaglöchern vorbei. Das ganze wird von lauter Panflötenmusik begleitet. Eine der Köchinnen sitzt auf dem Beifahrersitz und gibt dem Fahrer Fahr-Tipps. Als wir steckengebliebene Lastwägen, die wiederum von Lastwägen abgeschleppt werden, passieren wollen geschieht es. Das erste Auto mit dem erfahrenen Fahrer wühlt sich erfolgreich durch die Matschgrube hindurch und wartet hinter den Lastern auf uns. Die Anspannung unsres Jungspundes ist greifbar. Unser Schwung war nicht groß genug. Wir sitzen fest. Kacke. Beim Versuch raus zu beschleunigen, gräbt sich unser Auto noch weiter ein.

rueckfahrt

Gegen einen kleinen Obolus werden wir von einem der Laster herausgezogen. Die ehemals auf hochglanzpolierten Lackturnschuhe unsres Fahrers sind jetzt von einer triefenden Schlammschicht überzogen. Seine erste Hürde hat er genommen. Weiter geht es an bedrohlich wankenden Reisebussen (!) vorbei in Richtung Heimat. Nach etwa vier Stunden sind wir heil in Rurre angekommen. Unser Fahrer freut sich über ein ziemlich gealtertes Auto und eine gute Provision. Vom Tour-Anbieter erfahren wir, dass es so stark geregnet hat, dass unser Flugzeug gar nicht starten konnte. Wir sollen am nächsten Morgen irgendwann bei der Fluggesellschaft vorsprechen. Mit Rhiannon und Jamie gehen wir noch was essen und stoßen auf unser Abenteuer an. Schön war’s!

rurrenabaque

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