Die Isla del Sol – Ein Haufen Steine und viel Fisch

Wie am Abend zuvor besprochen, treffen wir uns am frühen Morgen mit Jamie und Rhiannon um Tickets für das Boot zur Isla del Sol zu kaufen. Dabei haben wir einen kleinen Rucksack mit dem Nötigsten für die Wanderung und eine Übernachtung gepackt. Unsere großen Rucksäcke und das übrige Gepäck haben wir in der Abstellkammer des Hostels verstaut. Diese wurde offensichtlich auch als Schlafplatz benutzt: Ein Bett steht in der Ecke und ein Schwall von veratmeter Luft und Fußaroma schlägt uns entgegen. Am Hafen angekommen kaufen wir noch ein paar Snacks für unterwegs und anschließend die Boottickets in den Norden der Isla del Sol. Nach ca. 1,5-stündiger Fahrt sind wir am Ziel. Im Hafen warten fleißige Händler mit leckeren Avocado-Brötchen auf uns. Nur unweit vom Bootsanleger befindet sich ein Art Museum, in dem einige Überreste des Haupttempels präsentiert werden. Jacques Cousteau hat bei der Bergung geholfen. Kurz später bieten sich einem Touriguides an: Wir beschließen erst mal auf eigene Faust die Insel zu erkunden. Vorbei geht es an Schweinen am Strand und wir machen einen kurzen Abstecher zum heiligen Stein. Wir hatten ihn in einer der Karten verzeichnet gesehen, müssen uns dann aber durchfragen, um die Steinplatte in einem der Gärten der Anwohner zu finden.

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Anschließend geht es Bergauf und die Landschaft wir immer mondähnlicher. Mit dem See im Hintergrund ergeben sich immer häufiger tolle Bilder:

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Nach etwa einer Stunde erreichen wir den heiligen Felsen. Im Gegensatz zum heiligen Stein sitzt dieser wie ein Elefant am Wegrand und ist nicht zu übersehen. Wir lauschen den Erzählungen eines der Führer. Dem kolossalen Stein werden besondere Wirkungen zugesprochen – Magnetfelder und so. Aus irgendeinem Grund hab’ ich davon kein Bild gemacht. Vielleicht wollte er nicht. Gegenüber liegt ein Altar. Noch wenige Minuten sind es nun bis zur Ruine des alten Inka-Tempels. Hier schließen wir uns endgültig einer der Führungen an. Diese Informationen wollen wir uns nicht entgehen lassen. Das war dann auch die letzte Etappe der geführten Touren – wir bedanken uns mit einer kleinen Geldspende.

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Von hier aus kann man noch einmal weitere 10 Minuten den Berg hoch laufen. Es ist steil, doch man wir mit einem tollen Ausblick belohnt:

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Jetzt heißt es ein Stück zurücklaufen, bis zur letzten Weggabelung. Von hier aus geht es auf dem Rücken der Insel entlang in Richtung Süden. Der Weg zieht sich. Bereits zuvor, kurz nach Beginn unserer Wanderung, mussten wir Wegzoll zahlen. Jede der Inselkommunen lässt sich das Durchqueren ihres Landes mit einem kleinen Beitrag bezahlen. So sind je nach Abschnitt 5 bis 15 Bolivianos fällig. Insgesamt 3 mal werden wir zur Kasse gebeten. Hier sind dann jeweils kleine Tore auf dem Weg aufgestellt und zwei Bolivianerinnen, oft mit ihren Kindern, kassieren den Beitrag. Am späten Nachmittag, kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir dann unser Ziel. Wir laufen in das Dorf ein und einer der spielenden Jungs fragt uns, ob wir eine Übernachtungsmöglichkeit brauchen. Das Haus seines Onkels sieht ganz nett aus und für wenig Geld gibt es eine Übernachtung mit Frühstück. Ein anderer Bub kommt noch hinzu. Auch seine Familie hat eine Unterkunft; die sieht aber nicht so nett aus. Also ist klar wo wir übernachten. Jetzt heißt es erst mal: Ein Bierchen in der Abendsonne genießen.

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Von hier aus beobachten wir einen tollen Sonnenuntergang. Sobald der Planet nicht mehr mit voller Stärke scheint, kommt die Eiseskälte der Hochebene zurück. Im verbleibenden Restlicht gehen wir noch zu unserer Bleibe, um uns etwas wärmer einzukleiden und eine Taschenlampe für den späteren Nachhauseweg mitzunehmen – Straßenbeleuchtung gibt es hier nicht. Der Blick von unserem ‘Balkon’ (kleiner Anbau mit Flachdach – links im linken Bild) lohnt sich:

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Anschließend geht es in eines der Lokale, wo wir wieder einmal die leckere, am Titicacasee gezüchtete Forelle essen. Der anstrengende Tagesmarsch macht sich bemerkbar: Wir werden müde und kehren bald in unsere Bleibe zurück. Die Taschenlampe macht sich bezahlt.

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Überraschend warm ist die Nacht in unsrem Bauernhäuschen auf der Isla del Sol. Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln uns wach und laden uns zu einem Morgenspaziergang ein: Lamarücken und Gräser sind mit Raureif dekoriert, Schweine grunzen wohlig in ihren Koben, Esel drängen sich Wärme suchend aneinander und die Insulaner beginnen ihr Tagwerk. Alles ist paradiesisch ruhig und wirkt so unverdorben. An einem ruhigen Fleckchen schauen wir uns den Sonnenaufgang an.

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Nach einem kleinen Frühstück brechen wir zusammen mit Rhiannon und Jamie auf. Wir folgen dem Ratschlag eines Verwandten unserer Gastgeber und wandern in Richtung Norden, wo eine weitere Tempelruine die Landschaft verziert. Dort gibt es einen Bootsanleger, die Tickets für die Rückfahrt bietet uns der liebe Verwandte gleich mit an. Am Bootsanleger angekommen, behauptet der Bootsfahrer wir sollen auf das nächste Boot warten. Dieses sei ein spezielles, von einer Gruppe gebuchtes Boot. Nach mehrfachem Nachfragen klärt sich die Situation und wir dürfen doch mitfahren. Wir legen ab Richtung Copacabana. Die schwimmenden Inseln  der Uros vor Puno in Peru rufen nach uns.

Von Schweinen, Bier und Sonnenbrand

Am nächsten Morgen machen wir uns auf, um die Stadt zu erkunden und den Tag zu planen. Im Reiseführer hatten wir gelesen, dass die Halbinsel Yampupata, welche sich von Copacabana Richtung Norden in den Titicacasee hinein erstreckt, ein tolles Ziel für Tagesausflüge bietet. Auf dem Weg hin zum Fischerhafen, unmittelbar vor der Kirche, sehen wir plötzlich parkende Autos, umringt von Menschenmengen. Wir fragen nach. Hier kann man sein Fahrzeug einer Art Weihe unterziehen. Es sind zumeist Kleinbusse und Transporter und alle sind sie mit Blumen geschmückt. Man läuft um das Fahrzeug, bespritzt es mit Bier und spricht Segenswünsche. Dadurch soll das Fahrzeug stets sicher ans Ziel kommen. Die für die Segnung benötigten Utensilien können problemlos an zahlreichen Ständen vor der Kirche erworben werden. Auf dem weiteren Weg sehen wir dann immer wieder große Popcornhaufen mit sehr riesigen Popkörnern (oder wie das heißt). Die zugehörigen Maiskolben hatten wir vorher schon öfter mal bewundert.

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Fast am Fischerhafen angekommen finden wir eine Art Touristeninformation, die Tür ist offen und nur durch einen Stuhl verstellt. Drinnen sitzt aber niemand. Auch die benachbarten Geschäfte wissen nichts über den Verbleib des Touristeninformationsmenschen. Wir gehen einfach rein und werden fündig: Wir nehmen uns eine Karte der Halbinsel Yampupata mit und legen unser Tagesziel fest: Yampupata, der gleichnamige Ort an der Spitze der Halbinsel, 17 Kilometer von uns entfernt. Wir fragen noch nach dem Weg aus dem Städtchen heraus und los geht es. Kaum haben wir die Stadt hinter uns gelassen, lenkt ein Fußballfeld großer Platz unsere Aufmerksamkeit auf sich. Ähnlich wie bei einer Messe sind dort kleine Pavillons aufgebaut, umringt von Menschen. Was ist denn hier los? Aufklärungstag! An den Ständen geht es kurz gesagt um Folgendes: Wie wird man Schwanger? Was kann sich dabei sonst noch so einfangen? Was kann man dagegen tun? Kurz später stellen wir fest, dass wir die Sonnencreme vergessen haben. Sollen wir umkehren? Ach nein. Geht auch so… Die Wanderung führt uns an der Küste entlang, vorbei an einer Bäuerin die ihr Schwein ausführt, vorbei an schwimmenden Inselchen, Schilfbooten und vielen anderen Sachen, die es am Ufer so gibt. Wir begegnen einem älteren Mann. Auf unser Buenos Días erwidert er freundlich, dass man hier eigentlich kein Spanisch spräche. Er sei vom Volke der Aymara und würde uns jetzt die korrekte Begrüßung beibringen: Kamisaraki. Er empfiehlt uns noch den Besuch eines Aussichtspunktes in der Nähe unweit des Weges und wünscht uns gute Weiterreise. Wir folgen seinem Tipp: Ein nette Abwechslung; 20 Minuten später geht es weiter nach Yampupata.

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Nachdem wir schon einiges an Weg zurückgelegt haben, finden wir erstmals Wegweißer und machen einen Abstecher in Richtung “Grotte von Lourdes”. Als wir uns dem heiligen Platz nähern, kommt auch schon eine nette Bolivianerin auf uns zu und bietet uns an, gegen einen kleinen Obolus die Tür zur Marienfigur zu öffnen. Nachdem sie uns von den Wundern berichtet hat, die hier schon vollbracht wurden, erhalten wir noch einen netten Hinweis: Wir sollen von hier aus dem Steinpfad über den Berg folgen. Dieser führe vorbei an ihren grasenden Lamas und ist wohl ein Pfad der Inkas aus präkolumbianischen Zeiten. Der Pfad ist schweißtreibend und führt uns nach ca. 20 Minuten zurück auf den ursprünglichen Weg. Am höchsten Punkt angekommen geht es hinab ins Tal in Richtung Bucht. Der Ausblick ist fantastisch. Wir nähern uns einem Dorf und schon von weitem ist zu erkennen: Hier wird gefeiert – zu Ehren des Patrons San Pedro. Man ist verhältnismäßig chic gekleidet, laute Musik ertönt, es wird getanzt und Bier fließt in Strömen. Bemerkenswert ist, dass die Frauen bei letzterem besonders tüchtig ins Rennen gehen. Auch wir gönnen uns ein Bier und sind zunächst etwas verwundert: Man muss zwei kaufen und der Preis von 25 Bolivianos kommt uns viel vor. Ist das ein Touristennepp? Wir haben allerdings den ganzen Tag lang keine Touristen gesehen, die Einheimischen nehmen das Gesöff auch nur im Zweiergebinde ab, und als wir beim Bezahlen 25 Bolivianos für das Set und nicht pro Flasche bezahlen (also 12,50 Bol = 1,30 Euro pro Liter-Flasche) wird uns klar, dass unsere Bedenken nicht gerechtfertigt waren.

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Das Bier trinken wir an einem Campingtisch mit Platikstühlen bei ohrenbetäubender Musik. Anschließend geht es weiter, aus dem Dorf hinaus. Wir sehen fleißige Bauern, die Ihre Kartoffeln zum Trocknen in der Sonne auslegen. Einer von Ihnen steht aus der Hocke auf, läuft auf uns zu und stellt sich uns vor: Don Hilario sei sein Name, und Freunde aus der ganzen Welt habe er. Wir sollen kurz warten. Nach zwei Minuten kehrt er zurück, in einer Hand Unmengen von Postkarten in der anderen einen verranzten Lonely Planet. Wir schauen die Postkarten durch und tatsächlich: Von überall hat man ihm Postkarten geschickt. Einige von ihnen hätten wahrscheinlich in einem Postkartenmuseum ihren wohlverdienten Platz gefunden. Dann lesen wir einen Eintrag im Lonely Planet, den er uns offen vor die Nase hält: Wer hier entlang wandert wird mit Sicherheit Don Hilario begegnen. Ein Landwirt der nur zu gerne seine Postkartensammlung zeigt und sich ein Zubrot mit Bootsfahrten zur gegenüberliegenden Landzunge verdient… Nach kurzer Verhandlung sitzen wir auch schon auf seinem Kahn und schippern dort hin. Der Ausflug ist sehr schön und kurzweilig. Wir hatten diese längliche Landmasse schon von der Ferne bewundert und jetzt stehen wir drauf; Don Hilario gibt uns einen Einblick in die lokale Geschichte. Es gibt eine kleine Bucht, die so verborgen liegt, dass die Inkas dort Zuflucht vor den Spaniern und sonstigen Eroberern gefunden haben. Zudem hat man eine gut Aussicht. Alles in allem ein gelungener Ausflug vom Ausflug.

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Nach unserer Rückkehr geht es weiter, immer noch unser Ziel Yampupata vor Augen. Don Hilario rät uns zur Rückkehr, da von Yampupata zu dieser Zeit kaum noch Colletivos (Taxis) fahren. Wir laufen trotzdem weiter und genießen das Licht der Dämmerung. Allerdings fällt uns auch auf, dass die Strecke kaum noch befahren wird. Wenn überhaupt, dann sind die Autos mit Feierwütigen beladen, die sich zum San-Pedro-Fest fahren lassen. Kurz vor dem Ziel, als die Sonne dann gerade verschwunden ist, sehen wir ein Taxi die Straße entlangfahren und nutzen die Chance. Zwei reisende Mädels hatten sich vom Hafen in Yampupata abholen lassen – großer Zufall. Wir dürfen mitfahren. In Copacabana angekommen  treffen wir wir Rhiannon und Jamie wieder, die wir auf dem Dreitagestripp in Rurrenabaque kennengelernt haben. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen: Gemeinsam wollen wir zur Isla del Sol, der größten Insel im Lago Titicaca. Im Hostel angekommen bemerken wir was die Sonne angerichtet hat: Einer der schlimmsten Sonnenbrände die ich (Daniel) je im Gesicht hatte. Mehr als zwei Wochen lang blättert mir die verbrannte Haut von der Nase…

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Ab an die Copacabana – oder so…

Hallo liebe Blogleser. Nach langer Pause geht es weiter. Das bedeutet nicht, dass wir wieder auf Reisen sind, sondern dass wir endlich wieder Zeit und Lust zum Schreiben finden. Zuletzt haben wir aus Boliviens Tiefland berichtet. Nun machen wir uns auf den Weg in Richtung Peru. Doch vorher ist ein Zwischenstopp am Titicacasee angesagt…

Beim Warten auf den Rückflug von Rurrenabaque nach La Paz lernen wir einen lustigen US-Amerikaner und einen netten Schweizer kennen. Der Flughafen ist von außen kaum als solcher zu erkennen. Seine Größe gibt uns einen Vorgeschmack auf die Platzverhältnisse im Flugzeug, das uns zurück nach La Paz bringt.

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Nach der Landung teilen wir vier uns ein Taxi vom Flughafen in die Stadt. Wir können den Taxifahrer zu einem kurzen Zwischenstopp an einer Haltebucht auf ca. 4000 Meter Höhe überreden: Von dort aus hat man eine fantastische Aussicht auf die unter uns liegende Stadt. Wie ein Teppich schmiegen sich die Häuser in das Tal, im Hintergrund ist der etwa 6400 Meter hohe Berg Illimani zu sehen.

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An einer großen Kreuzung etwas außerhalb des Zentrums steigen wir dann aus, um von dort mit dem Bus nach Copacabana am Titicacasee weitezufahren. Der Bus steht schon da, Abfahrt ist in fünf Minuten. Schnell wird noch ein wenig Verpflegung gekauft. Schon während der Taxifahrt musste ich (Daniel) auf’s Klo. Hier an der Kreuzung bietet sich auch keine Möglichkeit an. Also setze ich auf die Stärke meiner Blase. Schlechte Idee. Nach 1,5 Stunden Busfahrt muss der Fahrer kurz Halt machen und ca. 40 Augenpaare folgen mir auf meinem Weg zur Böschung. Lediglich ein älterer Herr im Bus zeigt Mitgefühl und zieht das Vorhängchen vor seinem Fenster zu. Nach einer weiteren Stunde kommen wir an einer Passage an, wo der Bus mit einer Fähre übersetzen muss. Es wird bereits dunkel und ein tolles Farbenspiel ergibt sich am Horizont. Richtig kalt ist es hier, sobald die Sonne untergegangen ist. In Copacabana angekommen suchen wir uns eine Unterkunft, legen unsere Sachen ins Zimmer und gehen noch was essen: In einem netten Lokal gibt es die am See beliebte Forelle mit Vorspeise und Nachtisch und ’nem Bier für unschlagbare 30 Bolivianos (etwa 3 Euro).

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Wir gehen zurück zu unserem Hostal Sonia nicht ohne noch beim Nachbarn im Garagenverkauf Wasser und Schokokekse gekauft zu haben. Müde fallen wir ins Bett, schützen uns mit mehreren Lagen Zudecken vor der Kälte und freuen uns auf morgen.

Piranhas zum Tee

Und wieder ein Flug. Unsre Reisezeit wird langsam knapp und das Busabenteuer auf der wohl gefährlichsten Straße der Welt muss ohne uns stattfinden. Schade! Das nächste Mal sind wir wieder mit dabei…

Von anderen Reisenden wurden wir vorgewarnt, dass das regenreiche Klima im bolivianischen Amazonasbecken zu Verzögerungen unsres Abflugs führen könnte. Tatsächlich. Beim Check-In um 9.00 Uhr erfahren wir, dass sich heute noch kein Flugzeug nach Rurrenabaque aufgemacht hat. Es regne dort einfach zu stark und es könne daher etwas länger dauern. Eigentlich ganz praktisch, denn im Flughafen gibt es kostenloses Internet und ausreichend viele Steckdosen für gestrandete Reisende – wir vertreiben uns die Zeit mit Bilder sortieren, telefonieren nach Hause und beobachten das Kommen und Gehen in der Wartehalle. Eine ältere Frau kippt wortwörtlich aus ihren Latschen, welche anschließend alleine die Rolltreppe nach oben fahren. Sie wird sofort professionell versorgt und kommt mit einem Schrecken davon. Das Lachen können wir uns allerdings nur schwer verkneifen.

Im Stundentakt werden wir von freundlichen Amaszonas-Mitarbeitern informiert, dass es unklar ist, wann geflogen werden kann und ob. Um 17.00 Uhr geht es tatsächlich los; wir dürfen ins Flugzeug, dort warten wir weitere 45 Minuten auf die Starterlaubnis und heben doch noch ab. Knapp 40 Minuten später kommen wir auch schon im Tiefland an und verstehen, warum wir so lange warten mussten – Sichtanflug ohne Sicht geht halt nicht. Es ist feucht, es ist warm und einfach toll; fast wie nach Hause kommen ins mittelamerikanische Klima🙂

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Vom Flugplatz führt eine schlammige Straße nach Rurrenabaque, dem Dorf am Río Beni, dass ein bisschen aus den Nähten zu platzen scheint: Die Hauptstraße ist gespickt mit Tour-Anbietern, Märkten und Comedores. Die Sommersonnenwende (Johannistag) wird hier immer noch gefeiert (es ist der 23.06.13) und alle Nase lang fliegen Kracher auf die Straße und man prostet sich fröhlich zu. Am nächsten Morgen bewundern wir das Ergebnis – eine lange LKW-Schlange, die sich durchs Dorf zieht; der Fährbetrieb fällt aus, da die Arbeiter zu ausgiebig gefeiert haben und nicht zur Arbeit erschienen sind. Hier stört das keinen. Man reagiert gelassen🙂

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Warum fährt der Reisende eigentlich nach Rurre? fragt ihr euch vielleicht….  Pampas oder Dschungel, das ist hier die Frage. Flussabenteuer mit Gauchos oder Überlebenstraining mit Indígenas im Madidi-Park? Wir sind hin und her gerissen und können uns nicht entscheiden. Für beides haben wir nicht genug Zeit. Da es die Nacht durchgeregnet und -gewittert hat, vertagen wir die Entscheidung und genießen französische Spezereien (Croissant-Bäcker scheinen sich gerne in Südamerika niederzulassen…), buchen Rückflüge nach La Paz und erkunden den Ort. Bei einem Bierchen fällt die Entscheidung: Da wir in Nicaragua und Costa Rica schon im Regenwald wandern waren, melden wir uns für eine 3-Tages-Pampas-Tour an. Am nächsten Morgen beginnt unsere Reise im Jeep. Mit an Board sind zwei Däninnen namens Cecilia und Sila sowie Rhiannon und Jamie, ein englisches weltreisendes Paar. Wir sind uns gleich sympathisch und bei unserem Plausch über Tiere und co. stellen wir fest, dass wir einen gemeinsamen Reisefreund haben – Maik. Mit ihm haben sie vor Monaten in Argentinien eine Woche lang Orcas beim Jagen beobachtet. Was für ein Zufall!

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Hatten wir noch über die Tour-Gruppe gelacht, die in der Tanke neben uns warten mussten, weil der Jeep nicht angesprungen ist, so wird unsre Schadenfreude umgehend belohnt: wir bleiben in einem riesigen Matschloch stecken. Der Jeep von der Tanke überholt und und die Insassen winken uns grinsend zu… Das hat man nun davon. Mit 1,5 h Verzögerung erreichen wir dennoch unser Ziel, das kleine Kuhdorf Santa Rosa. Nach einem leckeren Mittagessen fahren wir zu unserem Einbaum mit Außenborder und beginnen die eigentliche Tour auf dem Río Yacuma. Blutdürstende Moskitos haben den Regen abgelöst; eingehüllt in eine Wolke Off! Deep woods ganz gut zu ertragen. Die Bootsfahrt ist schön. Wir sehen gleich ein paar träge Capybaras (überdimensionales Meerschwein, siehe Bild) am Ufer grasen, Paradiesvögel (Bild, sehen eher aus wie ein Urzeithuhn) zetern, lassen sich ansonsten nicht durch uns stören. In unsrem Stelzenhaus werden wir von netten Damen mit Kaffee, Tee, Keksen und Popcorn empfangen. Der Regen hat mittlerweile wieder eingesetzt und ergänzt die fremdartigen Urwaldgeräusche mit Geprassel. Wir sitzen gemütlich mittendrin und reden mit unserem Guía Marcelo über seine Lebensgeschichte. Er ist in einem kleinen Dorf im Urwald geboren worden, musste zum Geldverdienen in die “Stadt” Rurrenabaque umziehen, und vermisst seither das Leben im Einklang mit der Natur. Was er über Heilpflanzen und Tiere weiß, hat er von seinem Vater gelernt. Er erzählt uns auch über die Armut und das ungewohnte Leben der Indígenas fern der eigenen Wurzeln, in dem Alkohol zum Problem wird. Gegen Mitternacht gewittert es. Der Regen hält bis zum nächsten Morgen an.

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So warten wir auf besseres Wetter, schnappen uns ein Kartenspiel und vertreiben uns bis zum Mittagessen die Zeit mit Shithead. Der Regen lässt nicht nach, also ziehen wir trotzdem los. Beim Schwimmen mit den Flussdelfinen wären wir ja ohnehin nass geworden und angeln kann man auch im Regen. Dank blutiger Rindfleischstücke fangen wir sogar zehn Piranhas, die groß genug zum Essen sind. Da ich die Fische nicht töten oder ihnen auch nur den Haken rausziehen kann, gehe ich zum füttern über🙂

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Nach einer Stunde fahren wir zum Lieblingsbadeplatz der Flussdelfine. Drei Stück sind uns schon neugierig gefolgt. Es kostet etwas Überwindung ins bräunliche Wasser zu springen, aber wir werden belohnt: Es ist eine magische Stimmung. Um uns herum nur Vogelstimmen und leises Geplätscher. Die Delfine umkreisen uns; stupsen den einen oder anderen vorsichtig an. Wir sind ganz andächtig und berührt. Zurück zur Hütte lassen wir uns ohne Motor treiben, genießen die Wildnisgeräusche und das leise Plätschern unsres Bootes. Einige der kamerascheuen Tiere folgen uns ein Weilchen. Wunderbar!

Zum Nachmittagstee laben wir uns an unsrem Fang. Die Fische sind fein, aber klein: die Fleischmenge an den Piranhas entspricht in etwa dem Würfelchen Rindfleisch, mit welchem wir sie gefangen haben. Das Abendessen ist wieder köstlich und wird mit Kuchen und Wein abgerundet. Gegen halb neun brechen wir zu unsrem nächtlichen Bootsausflug auf; unzählige Kaimanaugen reflektieren das Licht unsrer Stirnlampen, Fledermäuse und Nachtvögel ziehen ihre Kreise über unsre Köpfe. Wir machen den Motor aus und tauchen ein in diese friedliche Stimmung.

Am nächsten Morgen lässt der Regen nach; wir erkunden den Curichal, das Sumpfland, das Anakonda und Kaiman bewohnen. Etwa 1,5 Stunden lang stapfen wir in Gummistiefeln durch modrig stinkende Grasteppiche, werden von allerlei Mücken belästigt und finden nur abertausende Grashüpfer. Die Kaimane faulenzen im See, die Anakondas bleiben im Untergrund. Trotzdem nett so ein Spaziergang.

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Unser eigentliches Abenteuer beginnt nach dem Mittagessen: Marcelo bringt uns per Boot zurück nach Santa Rosa. Dort warten wir etwa drei Stunden auf unseren Jeep. Marcelo ist schon nach einer Stunde zurückgefahren, um eine neue Gruppe zu führen. Wir sind auf uns gestellt. Nach zwei Stunden kommt die Info: der Jeep ist kaputt. Ein anderer Jeep kann nicht kommen, weil die Straße zu schlecht ist. Vier von uns könnten mit einem Kombi zurückfahren. Na das kann ja heiter werden. Unseren Rückflug werden wir ziemlich sicher verpassen. Da zwei Franzosen zusammen mit unsrer Gruppe zurückgebracht werden sollen, muss noch ein zweites Autos organisiert werden. Wir fragen uns, wie wir das über die schlammige Schlaglochpiste  nach Rurre ohne Jeep packen sollen. Nach einer weiteren Stunde des Suchens hat sich ein zweiter Fahrer gefunden, der sich die Höllenfahrt zutraut. Er ist gefühlte 17 und braucht wohl das Geld… Die ersten Kilometer sind wir positiv überrascht. In Paris-Dakar-Manier schlängelt er sich an den Schlaglöchern vorbei. Das ganze wird von lauter Panflötenmusik begleitet. Eine der Köchinnen sitzt auf dem Beifahrersitz und gibt dem Fahrer Fahr-Tipps. Als wir steckengebliebene Lastwägen, die wiederum von Lastwägen abgeschleppt werden, passieren wollen geschieht es. Das erste Auto mit dem erfahrenen Fahrer wühlt sich erfolgreich durch die Matschgrube hindurch und wartet hinter den Lastern auf uns. Die Anspannung unsres Jungspundes ist greifbar. Unser Schwung war nicht groß genug. Wir sitzen fest. Kacke. Beim Versuch raus zu beschleunigen, gräbt sich unser Auto noch weiter ein.

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Gegen einen kleinen Obolus werden wir von einem der Laster herausgezogen. Die ehemals auf hochglanzpolierten Lackturnschuhe unsres Fahrers sind jetzt von einer triefenden Schlammschicht überzogen. Seine erste Hürde hat er genommen. Weiter geht es an bedrohlich wankenden Reisebussen (!) vorbei in Richtung Heimat. Nach etwa vier Stunden sind wir heil in Rurre angekommen. Unser Fahrer freut sich über ein ziemlich gealtertes Auto und eine gute Provision. Vom Tour-Anbieter erfahren wir, dass es so stark geregnet hat, dass unser Flugzeug gar nicht starten konnte. Wir sollen am nächsten Morgen irgendwann bei der Fluggesellschaft vorsprechen. Mit Rhiannon und Jamie gehen wir noch was essen und stoßen auf unser Abenteuer an. Schön war’s!

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Nicht viel Spaß in La Paz

Nach unserer schönen Zeit in Sucre geht es im Nachtbus weiter nach La Paz: Wir verabschieden uns von James und Matt und fahren im Taxi zum Busbahnhof. Maik aus Deutschland ist diesen Nachmittag in Sucre angekommen – wir treffen ihn aber leider nicht mehr. Die Nacht im Bus ist recht angenehm, denn wir haben uns wieder einmal für die Variante mit den breiten, bequemen Sitzen entschieden. Lediglich die Tatsache, dass uns regelmäßig nach Schwefel riechende Rülpser entweichen mindert den Reisekomfort. Die ganze Fahrt dauert 12 Stunden. Nach etwa 6 Stunden, also mitten in der Nacht, stoppt der Bus in einem Kaff an einer Art Markt oder Kaffee – die bolivianische Variante der Autobahnraststätte. Der Fahrer kommt nach oben und verkündet, dass jetzt die letzte Möglichkeit für einen Gang zur Toilette sei. Dass die Bordtoilette außer Betrieb ist, war mir bis dahin gar nicht aufgefallen. Alle, die die Möglichkeit nutzen wollen, strömen nach draußen und pinkeln drauf los – unmittelbar vor dem Bus: Die Männer an die Hauswand des Gebäudes, die Frauen auf den staubigen Gehweg. Na prima. Am frühen Morgen sind wir dann in La Paz und machen uns auf den Weg zum dem nahegelegenen Hostel, in dem wir ausnahmsweise reserviert haben: Ein Doppelzimmer mit eigenem Bad – eine kluge Maßnahme, wie sich noch an diesem Tag herausstellen wird. Als wir ankommen ist unser Zimmer noch nicht geräumt. Wir beschließen erst mal zu frühstücken. Allerdings bahnt sich bei Jacqueline etwas an, der Besuch des Klos drängt sich auf. Also bediene nur ich mich am Pancake-Buffet, obwohl auch mein Magen sich noch nicht ganz gesund anfühlt. Plötzlich kommen Ellie und Chris, ein Paar aus England, die Treppe herunter. Die beiden hatten wir vorher schon in Potosí und Sucre getroffen. Wir gehen mit Ihnen in die Stadt, treffen unterwegs noch ein paar andere Reisende und nehmen ein kleines Frühstück ein: Avocado-Käse-Sandwich und Saft bzw. Tee. Schonkost, wie wir uns einreden. Nach einem kurzen Besuch des Kleidermarktes (für Touris) kehren wir in die Unterkunft zurück. Da wir uns beide nicht so fit fühlen legen wir ein Mittagsschläfchen ein.

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Am Nachmittag wachen wir wieder auf, fühlen uns besser und beschließen den Rest des Tages noch zur Stadterkundung zu nutzen. Was bietet sich da besser an, als einer der Aussichtspunkte, die auf dem Stadtplan eingezeichnet sind. Wir düsen mit dem Kleinbus für umgerechnet 15 Cent durch die Stadt. Am Aussichtpunkt angekommen, scheint es, dass wir  hunderten von bolivianische Familien hierher gefolgt sind. Die Sonne ist nun leider schon soweit gesunken, dass eine Hälfte der Stadt bereits im Schatten liegt. Hier wird deutlich, dass La Paz von Bergen eingekesselt ist. Die Häuser kleiden das ganze Tal aus und legen sich wie ein Teppich über die hügelige Umgebung. Angeblich ist per Gesetz festgelegt, dass erst mit dem Außenanstrich ein Haus als fertiggestellt gilt und dann eine Art Grundsteuer zu entrichten ist. Also streicht der pfiffige Paceño (Bewohner von La Paz) sein Haus einfach nicht, wodurch sich die ziegelrote Einheitsfärbung der Stadt ergibt. Vielleicht hat er aber auch einfach nicht das nötige Geld, um sein Haus noch schön anzustreichen. Wir kehren dann zu Fuß zum Hostel zurück, kommen noch an einem Breakdance-Wettbewerb vorbei und trinken zum Abschluss des Tages ein Bierchen mit Ellie und Chris. Die beiden machen sich am nächsten Tag auf zum Lago Titicaca (Titicacasee). Für uns zahlt sich in der folgenden Nacht die Anmietung eines Zimmers mit eigenem Bad voll aus: Wahrscheinlich in Sucre haben wir uns eine schlimme Magen-Darm-Infektion zugezogen, welche uns im 30-Minuten-Takt auf’s Klo zwingt. Den kommenden Tag schaffen wir es völlig entkräftet erst am Mittag aus dem Zimmer. Wir wollen uns mit einer Suppe stärken: Hühnerbrühe ist gut, denken wir, und machen es uns in einem Lokal bequem, in dem sonst nur Bolivianer sitzen. Weit gefehlt: Dummerweise wird das Essen hier nach landläufiger Art zubereitet, bei der sämtliche Fleischsorten aus dem Angebot in ein und dem selben Sud gekocht werden. Dieses Huhn hat die letzten Stunden mit einem Hammel gemeinsam im Topf verbracht. Der Sud schmeckt abartig, zumindest für Magen-Darm-Kranke. Wir schlürfen ein bisschen rum, trinken unser Süßgetränk aus und besichtigen noch etwas die Stadt. Auf dem Markt sehen wir erneut Lamaföten, die zum Kauf angeboten werden.

Huehnerbruehe Krimskrams BesterBaeckerDerWelt Park

Weiter geht es Richtung Gefängnis. Unterwegs kommen wir noch am besten Bäcker der Welt vorbei (das nehmen wir an, als wir die ewig lange Warteschlange sehen). Auch dessen leckeres Angebot kann uns denn Appetit nicht zurückbringen. Das Gefängnis von La Paz, San Pedro genannt, ist bekannt für seine chronische Überbelegung. Ganze Familien wohnen dort und regelmäßig kommt es zu Übergriffen zwischen den Insassen. Gerade kürzlich gab es wieder Zwischenfälle. Das ganze ist nur noch schwer zu kontrollieren, so dass eine Schließung schon lange gefordert wird. Von außen sieht es recht unspektakulär aus. Doch ein schöner grüner Park vor dem Gefängnis lädt zum Verweilen ein. Langsam laufen wir wieder zurück zum Hostel, packen unsere Sachen für den Flug nach Rurrenabaque am nächsten Morgen und hoffen, dass unsere angeschlagene Gesundheit sich über Nacht weiter erholt. Wir hätten gerne mehr von der Stadt gesehen.

Oh Sucre, du schöne Stadt

Dank seiner hohen Lage auf fast 4.000 m ist es auch in Potosi ziemlich kalt; nur im direkten Sonnenlicht schafft es die Wärme in unsre kalten Knochen. Wir sind jetzt seit zwei Monaten in der Kälte und sehnen uns richtig nach Kurze-Hosen-Wetter, was es hoffentlich in dem ca. 1.200 m tiefer liegenden Sucre gibt. Zumindest die Wetter-App verspricht über 20 °C…

Da wir morgens noch unsre Heimflüge nach Deutschland buchen, kommen James, Matt und wir erst gegen Mittag los, stärken uns auf dem Markt mit bolivianischem Spießbratenbrötchen (köstlich!) und fahren mit dem Taxi gen Nordosten nach Sucre. Die Sonne scheint, unser Tank ist diesmal voll und wir haben es genau richtig getimed: Das Autorennen um Sucre ist grade zu Ende gegangen, der Stau löst sich auf und wir sind im Warmen, ja wir schwitzen sogar ein bisschen. Toll. Auf der Plaza Mayor wird die Rallye gefeiert; gut betankte, freundliche Rennfahrer und ihre Fans stützen sich an den Bierständen ab und laden uns gleich mal ein. Wie so oft ist „Ustedes son de Alemania, ohhhhh Bayern Munitsch“ unsre Eintrittskarte. So macht Fußball Spaß – selbst für Ahnungslose Smile

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Frühstück gibt es auf dem Mercado Central: Fruchtshake, Obstsalat mit pinkfarbenem Joghurt und Eischneetopping, Empanadas, Reis mit Hühnchen und Salat, Erdnusssuppe und noch viel mehr. Wir arbeiten uns durch’s Programm. Zu Fuß erkunden wir die Stadt, ruhen uns in den zahlreichen Parks aus und futtern, was der Straßenverkäufer grade so anbietet, oder sitzen in einem der vielen netten Cafés in der Sonne.

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Diese Stadt hat Flair. Sie lädt ein zum Müßiggang und wir fühlen uns hier richtig wohl. Daniel bekommt sogar nach Monaten mal wieder ein Jever in die Kehle. Es läuft in wenigen Tagen ab und schmeckt leider gar nicht so, wie er es sich vorstellt. Gut, dass ich bei Sureña geblieben bin.

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An unsrem dritten Tag besuchen wir den Bauernmarkt. Hier werden neben Gemüse, Obst, Fleisch, Klamotten etc. die nötigen Zutaten für die althergebrachten Rituale feilgeboten. Vom Räucherwerk bis hin zum Lamafötus gibt es hier alles – Überwiegend sind es Kräuter und Harze zum Verbrennen. Wir sehen aber auch Knochen aller Art, Flamingo-, Adler-, Falkenflügel, Tukanschnäbel. Händler stellen sachkundig Opferpakete zusammen, um Pachamama zu danken oder böse Schwingungen abzuwenden. In den stilleren Ecken des Marktes beraten und agieren Heiler. Wir sind fasziniert. Es erinnert uns an Guatemala, wo der Aberglaube ebenfalls noch lebendig ist und sich mit der aktuellen Religion vermischt. Am späten Nachmittag fahren wir ans andere Ende der Stadt, um an der Kirche La Recoleta die blaue Stunde mit ein paar Bierchen zu genießen. Hier sieht es aus wie in der Toskana und man hat einen tollen Blick auf Sucre. Auch hier ist wieder ein kleiner Markt. Wir vier sind in Kauflaune und erstehen Pullover (Matt, James, Jacqueline), Rucksack (Matt) und Mütze (Daniel). Natürlich Alpaka; seltsam ist nur, dass sie wie Acrylpullover knistern… Smile

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Am nächsten Morgen beginnen wir den Tag wieder mit einem Marktbesuch. Komisch, „unser“ Stand ist von der Stadtverwaltung geschlossen worden. Hoffentlich nicht vom Gesundheitsamt, überlegen wir. Die Nachbarin klärt uns auf – Steuern wurden nicht gezahlt. Trotzdem schmeckt uns das Essen heut nicht mehr ganz so gut. Nachmittags besuchen wir den Friedhof. Ziemlich gruselig finde ich die vor sich hin dudelnden Grußkarten zum Muttertag, die an einigen Gräbern stehen. Hier rebelliert auch schon Daniels Magen, er eilt zurück ins Hostal und hütet von da an das Bett. Mal sehen, wie es uns anderen dreien gehen wird. Am nächsten Tag ist er immer noch leidend, aber reisefähig. Wir fahren abends weiter nach La Paz. James wird ein paar Wochen länger in Sucre bleiben, um in einem Sprachkurs sein Spanisch aufzubessern. Matt bleibt auch noch ein bisschen länger. Hätten wir keine Flüge gebucht, würden wir es ihnen gleichtun. Wir sind alle ein bisschen traurig. Vier Wochen waren wir jetzt gemeinsam unterwegs und nun trennen sich unsre Wege.

Schuften und Schwitzen unter Tage

Von Uyuni aus geht es weiter Richtung Potosí, die Stadt, die wegen der Silbervorräte im nahegelegenen Berg Cerro Rico (reicher Berg) bekannt ist. Für die Fahrt dorthin haben wir uns für die ‘schnellere’ Variante im Kleinbus entschieden: Dieser braucht angeblich 2,5 Stunden für die Strecke, die der große Bus in etwa 4 Stunden zurücklegt. Mit dem Fahrer hatten wir abends bereits gesprochen und den Preis festgelegt. Als wir dann morgens tatsächlich auftauchen, steht er noch an der gleichen Stelle wie am Abend zuvor und freut sich. Er hat wohl in seinem Büschen übernachtet. Jacqueline, die in der Lücke zwischen Fahrer und Beifahrersitz untergebracht wird, muss dann während der Fahrt feststellen, dass seine Zahn- und Körperhygiene nicht die beste ist. Auch das Öffnen des Fensters bringt nur leichte Besserung. Nach etwa einer Stunde offenbart uns unser Fahrer, dass sich die Tankfüllung dem Ende neigt und, dass man jetzt mal schnell im nächsten Dorf Abhilfe schaffen müsse. Eine Tankstelle gibt es nicht. Es wird an mehreren Häusern geklingelt: Dort verkauft angeblich jemand Benzin. Erfolglos verlassen wir den Ort. Die Tanknadel sinkt weiter und eine Stunde später fahren wir wieder in ein Dörfchen. Der Benzinhändler des Vertrauens ist auch hier nicht zu Hause oder schläft noch. Der Fahrer klingelt Sturm und ruft ihn an, doch die Türe bleibt verschlossen. Wir fahren noch mal 15 Minuten weiter in ein Minenarbeiterstädtchen und werden fündig. Mit aufgefülltem Tank geht es weiter und nach insgesamt 4 Stunden kommen wir in Potosí an. Die Zeitersparnis ist zwar dahin, dafür haben wir allerdings ein paar nette kleine Örtchen gesehen.

Tanken CerroRico

Schon von den Inkas wurde in Potosí Silber abgebaut. Die Spanier haben dann unter Ausnutzung der Indianer als Arbeitssklaven die Förderung deutlich gesteigert und Potosí wurde zu einer der reichsten Städte der Welt. Das Schrumpfen der Vorräte führte dann dazu, dass das Interesse am Fördern zurückging. Im Jahr 1985 übernahmen 45 Kooperativen die Herrschaft über den Berg: Seitdem sprengen und buddeln sich zahlreiche Gruppen von Mineros (Minenarbeiter) auf eigene Faust ihren Weg durch den Berg. Diesen schauen wir im Rahmen einer 2,5 stündigen Tour über die Schulter. Unser Guide ist ein ehemaliger Minenarbeiter, der seit etwa 30 Jahren diese Führungen anbietet. Zunächst geht es auf den Markt, auf dem die Mineros alles mögliche einkaufen, was sie so bei Ihrer Arbeit brauchen: Zigaretten, Kokablätter, Getränke, Dynamit u.s.w. Als kleine Unterstützung für die Minenarbeiter kaufen wir Saft und Dynamit. Am Eingang der Mine treffen wir Arbeiter, die gerade ihre Schicht beenden. Man merkt ihnen die Anstrengungen ihrer Arbeit an: Sie sind staubig und erschöpft und freuen sich über die 2-Liter-Flasche Saft.

Einkaeufe Zuckerstangen FetteBeuteWeiblicheGesellschaft Klettern GanzUnten

Danach betreten wir die Mine. Geduckt laufen wir etwa 10 Minuten durch den niedrigen Gang bis wir die nächsten Arbeiter nach Ende ihrer Doppelschicht treffen. Die Gruppe freut sich über das Zusammentreffen, ihr Führer gesellt sich gleich zu den beiden weiblichen Teilnehmern unserer Gruppe: Er ist etwas alkoholisiert und redselig. Auch ihnen geben wir eine Flasche Saft, die sie sofort abpumpen. Wir geben ihnen noch Kokablätter mit auf den Weg und verabschieden uns. Anschließend geht es über mehrere Leitern in die Tiefe, es wird wärmer und die Luft wird dünner. Schließlich kommen wir bei zwei Arbeitern an, die gerade damit beschäftigt sind das Geröll einer Sprengung vom Vortag abzutransportieren. Sie sind Teil einer Gruppe von 10. Die Gewinne werden in der Gruppe geteilt. Die beiden, die wir treffen, sind sehr jung: 18 und 19. Mit ihnen halten wir ein Schwätzchen, unser Führer übersetzt. Ihr Werdegang ist typisch für die Gegend: Sie haben die Schule erfolgreich abgeschlossen, allerdings fehlt das Geld für eine Ausbildung. Da bleibt nur die Arbeit in der Mine. Viele treten hier in die Fußstapfen ihrer Väter, obwohl kein Vater seinem Sohn das harte Leben als Minero wünscht. Aus diesem Kreis auszubrechen ist fast unmöglich. Auf dem Rückweg stoppen wir noch bei El Tio (Der Onkel), einer teufelsähnlichen Figur, dem die Mineros regelmäßig Opfer bringen, um den Schutz bei der Arbeit in der Mine zu gewährleisten. Nach zweieinhalb Stunden sehen wir dann endlich das Tageslicht wieder und kehren in die Stadt zurück.

Der Besuch der Minen erlaubt einem den Einblick in eine wirklich verrückte Welt: Es wird unter gefährlichsten Bedingungen zu einem lächerlichen Gehalt gearbeitet. Wer einmal hier landet kommt kaum wieder raus und einem wird wieder einmal klar wie viele Möglichkeiten und wie viel Sicherheit man zu Hause hat und wie komfortabel ‘unsere Welt’ eigentlich ist…